Alle Nicht-Hamburger haben sich vermutlich gewundert, warum in Hamburg so eine große Diskussion über die Schulreform entstanden ist. Einer der anfangs wichtigsten Aspekte war, dass in Zukunft die Eltern nicht mehr entscheiden durften, ob die eigenen Kinder auf ein Gymnasium oder einer Stadtteilschule kommen sollen. Nach starken Protesten wurde dieser Aspekt aus der Reform ausgeschlossen.
Aktuell geben die Grundschullehrer nur noch mündlichen Empfehlungen, vorher waren es schriftliche Empfehlungen. Nach der Wahl im Februar 2011 wird sich vermutlich wieder etwas ändern.
Anders, als z.B. in Bayern und Schleswig-Holstein geben die Lehrer ihre Empfehlung über die weitere schulische Laufbahn ohne jeglichen Richtlinien. Der Lehrer kann also frei Schnauze empfehlen, ob ein Schüler eine Empfehlung für ein Gymnasium erhält, oder für die Stadtteilschule. In der Lehrerkonferenz wird darüber gesprochen und jedes Mal werden andere Argumente genannt, warum ein Lehrer die eine oder andere Empfehlung ausspricht. Mit Sicherheit entscheidet ein Lehrer nach persönlicher Einschätzung, ob ein Schüler das Gymnasium “packen” kann oder ob es aus pädagogischer Sicht sinnvoller wäre den Schüler auf eine Stadtteilschule zu schicken. In der Theorie können die Erziehungsberechtigten trotzdem anders entscheiden. Nur ist es so, dass einige Gymnasien keine Kinder aufnehmen, die nicht eine Empfehlung für ein Gymnasium bekommen haben, so z.B. Carl-von-Ossietzky-Gymnasium Hamburg. Die stellvertrende Schulleiterin hat es mir persönlich mündlich bestätigt.
Anders als in Bayern, wo der Notendurchschnitt richtungsweisend ist für eine Empfehlung, ist es in Hamburg die Vorstellungskraft des Grundschullehrers, welcher oftmals selber noch nie Kinder ab der 5. Klasse unterrichtet hat. In Schleswig-Holstein werden die Noten in den Hauptfächern als Grundlage für eine Empfehlung genommen – in Hamburg aber nennen viele Lehrer als wichtigstes Argument das “Arbeitsverhalten” des Kindes. Wenn ein Lehrer sich also nicht vorstellen kann, dass sich das Arbeitsverhalten eines 9-jährigen Kindes in oder nach der Pupertät bessert, hat es schlechte Aussichten auf eine Empfehlung für das Gymnasium. Man muss sich fragen, ob man so nicht unnötig viele von Gymnasien fernhält, bzw. zu viele fleißige Schüler mit weniger Intelligenz auf ein Gymnasium schickt.
Genau das ist einer einer Gründe, warum das jetzige Schulsytem als das ungerechteste Schulsystem aller Industrieländer angesehen wird. Obwohl der Schulbesuch, bis auf das Büchergeld, Scherengeld, Ausflugsgeld, Kopiergeld etc, kostenlos ist, ist es in Hamburg am unwahrscheinlichsten, dass ein Kind, welches nicht aus einer Akademikerfamilie kommt, jemals ein Gymnasium von innen sehen wird (Quelle: OECD Bildungsbericht). Während eines Studium kommen auf die Eltern Kosten für den Unterhalt von ihren Kindern in Höhe von 40.000-60.000 Euro zu – nur ein Fünftel aller Studierenden erhalten BaFöG. Da ist es gut nachvollziehbar, dass ein Arbeiter nicht gerade “amused” ist, wenn das Kind an einer Universität studieren möchte.
Berichte hierzu finden Sie in der Morgenpost und auf Spiegel.de.
In Großstädten wie Hamburg sind Gymnasien oftmals noch eine Art Festung, wo man seine Kinder vor verhaltensauffälligen oder gar prügelnden Mitschülern schützen kann, weil diese eben früh aussortiert werden. Viele Eltern wünschen sich gerade deshalb, dass die eigenen Kinder auf ein Gymnasium gehen, was ich gut nachvollziehen kann. Diese Gedanken sind in meinen Augen aber egoistisch und indirekt ausländerfeindlich.